Lieber eine Tasse Kaffee als eine Badewanne voll

Vom Zusammenhang von Dosis und Wirkung (auch vom Kaffee)

​

In dem Beitrag ĂŒber Inhaltsstoffe bin ich auf eine Sache explizit nicht eingegangen, da ich sie fĂŒr komplexer halte, als sie in der meisten Literatur dargestellt wird: die Wirkung der einzelnen Inhaltsstoffe auf den Körper. Man liest gerne bei verschiedenen Stoffen, dass sie die Wirkung X oder Y auf den Körper haben. Je nachdem, welche Quelle man zurate zieht, sind Fleisch essen, koksen, Lamborghini fahren, Bungeejumping, SchlĂ€gereien oder auch unser geliebter Kaffee ungesund. Wir sollen das eine zu uns nehmen, weil es gesund ist oder es gĂ€nzlich weglassen, weil es ungesund ist. Seien wir ehrlich: WĂŒrden wir uns an die abertausenden Tipps und Mittelchen halten, die uns empfohlen werden, sĂ€he der Tag folgendermaßen aus.

  • 4:00 Uhr: Aufstehen (Morgenstund hat Gold im Mund)

  • 4:10 Uhr: Meditation (fĂŒr geistige Klarheit)

  • 4:20 Uhr: Kalte Dusche

  • (selbstverstĂ€ndlich werden die Mails oder das Smartphone am Morgen nicht gecheckt)

  • 4:30 Uhr: Der erste Kaffee (um die Fastenphase, die man seit gestern macht, zu unterstĂŒtzen)

  • 4:40 Uhr: Arbeiten (weil am ja morgens am Produktivsten ist)

  • 5:30 Uhr: Das Low-Carb-keto-vegane FrĂŒhstĂŒck

  • und so weiter

Oder eben auch nicht, denn andere sagen, dass man LĂ€rchen und Eulen gibt, die zu unterschiedlichen Zeiten natĂŒrlich aufstehen. Oder andere, dass Low-Carb ungesund ist. Oder andere, dass Kaffee ungesund ist.

BLASPHEMIE!

Gut, letzteres hört man selten. Meist wird nur berichtet, wie super gesund Kaffee ist, welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse die positive Wirkung unterstĂŒtzen und was die braune BrĂŒhe alles Tolles anstellt: Mehr Aufmerksamkeit, verstĂ€rkt das Fasten, macht schön dunkle ZĂ€hne...

Dabei bleibt eine klitzekleine Kleinigkeit unbeachtet. Etwas, was so banal ist, dass man es leicht ĂŒbersieht. Der ganze Zauber liegt nicht im betrachteten Untersuchungsobjekt bzw. Stoff, sondern der Menge.

Denn...

Nichts ist per se ungesund

Nichts, rein gar nichts, ist fĂŒr sich genommen ungesund. "HĂ€, aber das kann doch nicht sein. Rauchen sorgt doch fĂŒr Lungenkrebs! Und ich hab da mal gelesen, dass Bananen..." - werde ich als durchdachten Konter auf diese tollkĂŒhne Behauptung als Antwort bekommen. Ein guter Einwand, aber trifft nicht so ganz. Lass mich das erklĂ€ren:

Die Wirkung von Stoffen ist abhĂ€ngig von so vielen Dingen, dass eine einfache Betrachtung nicht ausreicht. Man kann nicht einfach einem festgelegtes Untersuchungsobjekt unter festgelegten Bedingungen eine Substanz verabreichen und die Analyse der gewonnenen Information auf alle Situationen ĂŒbertragen. Nehmen wir als schön kontroverses Beispiel die Zigaretten. Jedem dĂŒrfte mittlerweile klar sein, dass der dauerhafte (<- das ist wichtig) Konsum von Zigaretten bei langjĂ€hrigen Rauchern das Risiko von Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs oder SchlaganfĂ€lle drastisch erhöht. Das ist korrekt. Daraus leiten sich Aussagen ab, dass eine Zigarette das Leben um 10 Minuten (oder so Ă€hnlich) verkĂŒrzt. Dieser vielzitierte Anti-Werbespruch von Kampagnen gegen Zigarettenkonsum soll vor allem dafĂŒr sorgen, dass keiner anfĂ€ngt, langjĂ€hriger Raucher zu werden, indem es abschreckt. Denn wer will schließlich 10 Minuten von seinem kostbaren Leben vergeuden? Aber hier wird es interessant. Wenn ein sonstiger Nichtraucher genau eine Zigarette konsumiert, wird sein Leben nicht verkĂŒrzt. Im Gegenteil, potenziell wird es sogar verlĂ€ngert. Eine gewagte Aussage, mit Sicherheit. Aber das hat seine GrĂŒnde.

Von der Dosis und der Wirkung

Alles, was wir zu uns nehmen oder auf uns wirkt, hat AbhÀngigkeiten, bei denen der Stoff selbst irrelevant ist.

Je nach Mensch und Situation, in der diese Person steckt, wird das Ergebnis ein anderes sein. Eine gesunde Person ist etwas anderes als eine kranke Person und diese ist was anderes als eine Maus. Und was geben wir dem Versuchsobjekt? Und wie viel davon?

Das Ergebnis wird immer verschieden sein, es kommt immer darauf an.

2 x 2 = 10

Und zwar auf die Dosis.

Im Alltag begegnet uns dieses Problem hĂ€ufiger, als uns lieb ist. Wir haben im Kopf so sehr ein lineares Modell verankert, dass wir es gar nicht bemerken. Das heißt, dass manche Stoffe >>gut<< oder >>schlecht<< sind.

Das lineare Modell von Dosis und Wirkung: Je mehr wir vom guten Stoff zu uns nehmen, desto besser. Und je mehr wir vom schlechten Stoff zu uns nehmen, desto schlechter.

Da die guten Stoffe mit erhöhter Menge immer gesĂŒnder werden, sollen wir davon mehr konsumieren. Die Logik kennt man vor allem in Bezug auf das geheiligte GemĂŒse, das man am besten kiloweise futtert. Bei den schlechten Stoffen soll man hingegen so wenig wie möglich zu sich nehmen, da schon die geringste Menge schĂ€dlich ist (wie bei den Zigaretten). Das Modell ist einfach, verbreitet und schlicht falsch.

Die Natur steht nicht auf gerade Linien, weshalb man in der Natur auch keine solchen linearen Dosis-Wirkung-ZusammenhÀnge findet. Es hat sich ein System entwickelt, das sich Hormesis nennt.

Hormesis (griech. hĂłrmēsis fĂŒr Anregung, Anstoß): Die auf Paracelsus zurĂŒckgehende Hypothese, dass kleine Mengen schĂ€dlicher Stoffe eine positive Wirkung auf den Körper haben können

Anders formuliert: Jede Substanz hat eine dosisabhÀngig biphasische Einwirkung auf den Körper.

Das hormetische Modell von Dosis und Wirkung: In der ersten Phase bei steigender Dosis steigt die Wirkung bis zu einem positiven Maximalwert. Danach sinkt sie ab und geht in den negativen Bereich ĂŒber

FĂŒr jeden Stoff gibt es einen hormetischen Bereich, in welchem dessen ZufĂŒhrung eine positive Wirkung entfaltet. In diesem positiven Bereich gibt es einen Optimalwert, an dem die positive Wirkung am grĂ¶ĂŸten ist. Danach fĂ€llt die positive Wirkung wieder ab und geht langsam in eine negative Wirkung ĂŒber. Wir kennen das vom Koffein des Kaffees. Wenn wir genau die richtige Menge Kaffee zu uns fĂŒhren, fĂŒhlen wir uns frisch, belebt und energetisch. Ein kleines bisschen mehr und wir sind hibbelig, bis es zu Stress ĂŒbergeht. Danach kommt noch das Herzrasen und der Kaffee macht gar nicht mehr so viel Spaß.

Vereinfacht lÀsst sich sagen, dass doppelt so viel nicht immer doppelt so gut ist. Es kann viermal oder gar nur halb so gut sein - je nach Standpunkt, von dem wir aus betrachten. Das ist das Problem der Nicht-LinearitÀt.

Meist wird ĂŒbersehen oder umgangen, dass die DosisabhĂ€ngigkeit die Wirkung von Stoffen manchmal mehr beeintrĂ€chtigen kann, als der Stoff selbst. Ob wir wie bei Koffein 10, 100 oder 1.000 mg zu uns fĂŒhren, hat signifikant verschiedene, gar kontrĂ€re Auswirkungen. Die 10 mg merken wir nicht, die 100 mg wirken stark belebend und bei 1.000 mg hoffen wir instĂ€ndig, dass das Herzrasen aufhört. Gleicher Stoff, andere Dosis. Viele Studien betrachten oft nur die Gabe einer Dosis gegenĂŒber der eines Placebos und die Dosis bleibt eine unbeobachtete Variable. Da es nicht immer einfach oder bezahlbar ist, eine noch komplexere Studie durchzufĂŒhren, fallen so Informationen unter den Tisch, die interessant und relevant sind. Bei oft untersuchten Stoffen, beispielsweise beim verbreitetsten Aufputschmittel ĂŒberhaupt, dem Koffein, kommt das nicht vor.

Nicht, weil explizit die DosisabhĂ€ngigkeit untersucht wird. Sondern weil das Untersuchungsobjekt haufenweise unter die Lupe genommen wird, sodass auch die Dosis irgendwann zum impliziten oder expliziten Untersuchungsgegenstand wird. Bei seltener untersuchten Studienobjekten herrscht schlicht nicht ausreichend Information, um eine dosisabhĂ€ngige Wirkung zu finden. Deshalb bin ich darauf bei keinem Stoff genauer eingegangen. Denn zu sagen, dass ein Stoff im Kaffee krebserregend ist, hilft nichts ohne die Untersuchung, in welcher Menge denn ein neutraler oder positiver Effekt zu verzeichnen ist. Und bei so vielen Stoffen, die im Kaffee sind, ist es bisher nicht möglich, fĂŒr alle diese Stoffe UND deren Anteil am Kaffee wirklich eine bestimmte Wirkung steht.

Auch die zeitliche Betrachtung spielt eine Rolle. Über welchen Zeitraum die Substanz ins System Mensch gebracht wird, ist wichtig. Haben wir kein Koffein im Blut, ist ein Kaffee mit 100 mg Koffein belebend. Wenn wir einen weiteren Kaffee mit ebenfalls 100 mg Koffein zu uns nehmen, sind wir nicht doppelt so belebt. Vielleicht ein bisschen belebter oder dreimal energiereicher, aber nicht doppelt so viel. Und wenn wir bereits den Liter Kaffee getrunken haben, dann ist Wirkung jedes weiteren Kaffees bereits negativ. Ein weiterer Kaffee macht nicht mehr energiereicher, sondern jetzt fangen die negativen Symptome von hoher Kaffee-Dosis an: Das Herz schlĂ€gt, SchweißausbrĂŒche kĂŒhlen den Körper ab und die Konzentration ist auch weg. Jetzt noch ein Kaffee und die körperliche Talfahrt beginnt.

Naturprodukte haben kein Label

Selbst wenn wir den Dosis-Wirkung-Zusammenhang eines Stoffs kennen, den wir in uns aufnehmen, ist die Kontrolle der richtigen Dosis noch schwieriger. Woher wissen wir, dass das vorliegende Lebensmittel genau die Inhaltsstoffe hat, welche wir zu uns fĂŒhren? Im Labor ist das einfach. Dort wird alles abgewogen, gemessen und notiert. In der RealitĂ€t, wo das Volumen des Kaffeebechers nicht genormt ist und die Inhaltsstoffe erst recht nicht, kann man nur schĂ€tzen.

Kein Naturprodukt ist genormt und bringt eine genau festgelegte Menge einer Substanz in den Körper. KĂŒnstlich hergestellte Fertigprodukte nehmen der Substanz die VariabilitĂ€t, indem sie Angleichungen durchfĂŒhren, die Inhaltsstoffe messen und dann das immer gleiche Produkt verkaufen. Bei genormten Produkten lĂ€sst sich in etwa sagen, welche bestimmte Menge einer Substanz wir zu uns fĂŒhren, denn es steht auf der Packung. Bei Kaffee sieht das anders aus. Koffein ist hierfĂŒr ein gutes Beispiel. Von Koffein im Kaffee kennt man zwar ungefĂ€hre Inhaltsmengen. Wir wisssen, dass Robusta-Bohnen mehr Koffein als Arabica haben, doch die koffeinreichsten Arabica-Sorten wiederum können an den Koffeingehalt von Robusta herankommen. Steht nun eine bestimmte Packung vor uns, lĂ€sst sich nicht mit absoluter Gewissheit feststellen, was denn da drin ist. Das ist eine normale Eigenschaft von natĂŒrlichen Lebensmitteln, eben auch von Kaffee.

Wir könnten eine Stufe weitergehen und die Packung, die wir bei uns haben, analysieren. Ohne die Vernichtung des Inhalts lĂ€sst sich allerdings nicht prĂ€zise zuordnen, ob diese eine Packung mit Arabica-Bohnen stark koffeinhaltig ist oder nicht. Vielleicht haben wir eine koffeinhaltige Ernte abbekommen. Vielleicht auch nicht. Wie man es dreht und wendet - fĂŒr die uns vorliegende Packung kommt eine genaue Analyse nicht infrage (wir wollen den Kaffee schließlich trinken und nicht unbedingt den genauen Koffeingehalt wissen). Deshalb bleibt uns nur ĂŒbrig, auf die bereits bekannte Forschung zurĂŒckzugreifen und etwaige Schwankungen der Dosis akzeptieren. Das ist ĂŒbrigens auch eins der vielen Probleme beim KalorienzĂ€hlen, aber das ist ein anderes Thema. Beim Kaffee mit seinen 1.000+ bioaktiven Substanzen ist eine genaues IN = OUT nicht möglich. Noch ein Grund mehr also, warum die Angabe der Wirkung der einzelnen Stoffe keinen Sinn ergibt.

Denn der Mensch ist nicht gleich Mensch

Wie hoch die optimale Dosis ist und wie breit der hormetische Bereich, hĂ€ngt vom Individuum ab. Körpergewicht, Alter, Metabolismus, Erkrankungen oder gar scheinbare NebensĂ€chlichkeiten wie der aktuelle Stresspegel spielen eine entscheidende Rolle. Wir können uns nicht an Studien orientieren, die uns sagen, dass 300 oder 400 mg Koffein und dementsprechend viele Kaffees in Ordnung sind, denn das schert die individuellen Gegebenheiten eines Einzelnen ĂŒber einen Kamm.

Bist du dĂŒnn? Dann muss die Dosis nach unten korrigiert werden. Hast du einen schnellen Metabolismus? Das lĂ€sst deinen Körper mehr vertragen. Bist du Raucher? Raucher bauen Koffein bis zu 50% schneller ab und somit vertrĂ€gt man mehr. Hast du bestimmte Gene, die deinen Körper Koffein besonders oder langsam abbauen lassen?

Das nicht zu beachten wĂ€re gefĂ€hrlich. Denn diese weitere Dimension der Dosis lĂ€sst sich nicht einfach ĂŒber die gesamte Menschheit stĂŒlpen. Beim Koffein mag das noch untersucht worden sein, weil aufgrund der schieren Menge an untersuchten Subjekten auch irgendwann solche Unterschiede bemerkbar werden. Aber was ist mit den anderen Stoffen? Mit Theobromin oder mit den zig SĂ€uren, die auch eine Wirkung auf den Körper haben? VertrĂ€gt sie jeder? Wenn ja, in welcher Menge? Es sind so viele Fragen offen, dass wir eigentlich nur kontrollieren können, wie Kaffee in seiner Gesamtheit wirkt.

Kleiner Exkurs in die ungenaue Wissenschaft

Der letzte Aspekt ist ein Appell.

Hinterfrage alles, was du liest.

Forscher sind auch nur Menschen. Sie sind nicht perfekt und werden auch nicht immer perfekte Studien abgeben. Nicht unbedingt durch Inkompetenz bedingt, sondern auch aufgrund Ă€ußerer UmstĂ€nde lĂ€sst eine Studie an QualitĂ€t und Wiederholbarkeit mangeln. Dann war die Studie fĂŒr die Tonne, weil nicht aussagekrĂ€ftig oder relevant oder voller Fehler. Bei Studien kann man viel richtig, aber auch falsch machen. Deshalb sind sie nicht immer zu ernst zu nehmen und sollten hinterfragt werden.

Anekdote aus dem Alltag: Wenn eine Studie dir zeigt, dass Bananen leicht vertrÀglich sind und dein Magen schon grummelt, wenn er die Bananen nur sieht - wer lag dann richtig? Die Studie oder dein Magen?

Was bleibt ĂŒbrig?

Stoffe sind komplex. Es lĂ€sst sich nicht mit 100%iger Sicherheit sagen, wie ein Stoff auf den Körper wirkt. Dadurch hilft es uns oft wenig, wenn wir einem Stoff ein bestimmtes Attribut wie giftig, gesund oder krebshemmend reduzieren, ohne weitere Informationen zu haben. Die Dosis, das Untersuchungsobjekt, die Situation und viele weitere Aspekte spielen eine Rolle und nur durch Sichtung der hintergrĂŒndigen ZusammenhĂ€nge lĂ€sst uns eine informierte Meinung bilden. Deswegen habe ich nicht die Wirkung von allen Stoffen aufgeschrieben.

Das ist die KomplexitÀt des Lebens. Alles hat mehr als eine Dimension.

In Zukunft werde ich mich noch den einzelnen Inhaltsstoffen widmen, allen voran das Koffein und dessen Wirkung auf den Körper.

WeiterfĂŒhrende Literatur

​Friebe, Richard. Hormesis: Das Prinzip der Widerstandskraft. Wie Stress und Gift uns stĂ€rker machen. Carl Hanser Verlag GmbH Co KG, 2016.​