Corona-Erkrankung - und schon schmeckt der Kaffee nach warmem Wasser

Wie sich das Geschmacksempfinden bei einer Corona-Erkrankung verändert und wie lange es dauert, bis er zurückgekehrt ist.

Das Leben ist immer wieder für eine Überraschung gut. Die Corona-Pandemie beschäftigt uns seit Ende 2019 und das Tragen von Masken oder Abstand halten sind in den Alltag übergegangen. Von Freunden von Freunden oder Bekannten hört man ab und zu, dass sich jemand mit dem Corona-Virus infiziert hat und der Verlauf meist mild ist. Man selbst kommt meist nicht auf die Idee, dass man sich infiziert könnte, denn schließlich hält man sich brav an alle Regeln. Dabei kann man manchmal noch so gut aufpassen - auf alle Faktoren hat man keinen Einfluss.

Zack, ab in die Quarantäne

Mich hat es Ende November/Anfang Dezember 2020 erwischt. Wo ich mich angesteckt habe, ließ sich damals nicht feststellen. Ich hatte nur wenige Menschen getroffen, von welchen wiederum alle gesund waren und blieben (gut so!). Den Anfang machten leichte Glieder- und Kopfschmerzen. Erstere erzeugten ein ähnliches Körpergefühl wie Muskelkater, weswegen der Gedanke an Corona noch nicht kam. Erst, als drei Tage später der Geschmack vollkommen weg war, sah ich einen ausreichend begründeten Anlass, zum Arzt zu gehen für einen entsprechenden Test, welcher die Corona-Infektion bestätigte und mich in die Quarantäne schickte.

Blöd gelaufen

Dachte ich. Zwei Wochen daheim herumzusitzen ist sicherlich ganz entspannt, doch anstecken wollte ich niemanden. Allerdings bereitet das Kranksein selbst wenig Freude. Man fühlt sich nicht wohl, kann dagegen allerdings nichts tun, außer es auszusitzen. Und das Essen schmeckte nach nichts mehr, denn der Geschmackssinn war verloren.

Neue Umstände, neuer Fokus

Aber es hat mir eine ganz neue Sicht auf das Leben gegeben. Meist beachtet man die Sinne nicht. Sie sind da und man nimmt über sie wahr. Sie geben uns Informationen über das Licht, über Objekte in der Umgebung oder was man alles essen kann. Dabei bleiben sie fast immer im Untergrund, dass man die Sinne selbst kaum genauer unter die Lupe nimmt. Man ist mit so viel anderen Dingen beschäftigt, die täglich auf einen hereinprasseln. Freunde, die sich mit einem treffen wollen (oh nein!), E-Mails, die auf eine Antwort warten, Sport, der gemacht werden will oder schlicht der Stapel unerledigter Projekte. Das Leben kann einen schnell gänzlich einnehmen und Zeit für Selbstreflexion bleibt kaum. Deshalb sind drastische Veränderungen so spannend. Sie richten den Blick auf andere Bereiche, die unter dem Alltagsstress meist unter dem Blickfeld bleiben. In diesem Fall war es der Geschmack.

Exkurs: Geruchs- und Geschmacksempfinden

Auf unserer Zungen befinden sich Geschmacksrezeptoren für fünf Grundgeschmacksrichtungen: Süß, salzig, sauer, bitter und umami. Insgesamt betrachtet ist das Geschmacksempfinden eigentlich eher ein Geruchsempfinden. Die Riechzellen nehmen die flüchtigen Stoffe wahr, die durch die Zerkleinerung der Mahlzeiten beim Kauen freigesetzt werden oder sich selbst verflüchtigen. Dadurch können wir statt weniger hundert über 10.000 verschiedene Aromen wahrnehmen.

Jeder kann das für sich auch leicht nachvollziehen. Halte dir die Nase zu, während du etwas Leckeres isst oder Kaffee trinkst. Du wirst feststellen, dass vom ursprünglichen Geschmack nicht mehr viel übrig bleibt. Deshalb spielt die Nase die wohl größere Rolle beim Geschmack als die Zunge.

Der Verlauf aus geschmacklicher Perspektive

Ich möchte mich gar nicht so sehr mit dem generellen Verlauf der Infektion und Abheilung befassen, denn für mich war sie wirklich mild und ich hatte bereits vor dem Ablauf der geforderten Mindest-Quarantäne-Zeit keine Symptome mehr. Deshalb betrachte ich nur die Entwicklung des Geschmacks, denn dieser bietet meines Erachtens interessante Einblicke.

Woche 1 (Kalenderwoche 49)

Mit Beginn der Infektion habe ich mein Geschmacks- und Geruchsempfinden praktisch vollständig verloren. Leckere Krautwickel, frisches Obst, ein frisch gebrühter Kaffee mit exzellenten Bohnen - nichts, gar nichts. Mit dem Mund konnte ich die Konsistenz und Temperatur ertasten, aber das war es. Vorbei war es mit süßem Dessert, herzhaften Snacks oder auch nur irgendwas, was nach etwas schmecken sollte. Das hat mir neue sensorische Welten eröffnet. Wenn eine Sinnes-Komponente wegfällt, verschiebt sich das Empfinden auf die übrigen Sinne. Nun war beim Essen oder Trinken nicht mehr der Geschmack relevant, sondern ich konnte den Fokus auf Konsistenz, Temperatur, Bissgefühl und das Schlucken und Kauen legen. Bei besonders intensiven Aromen konnte ich den Geschmack noch erahnen. Knoblauch und Essig zähle ich hier hinzu. In einem Blindtest hätte ich sie nicht erkannt, aber ich merkte, dass sie die Geschmacksknospen ansprechen.

Selbstverständlich habe ich mich auch an einen Kaffee gewagt und mit erprobter Methodik den einen oder anderen Kaffee zubereitet. Wenn der Kaffee stark sauer war, konnte ich das erkennen. Dennoch war keine Unterscheidung zwischen verschiedenen Kaffees möglich. Man hätte mir genauso gut warmen Tee vorsetzen können. Deshalb habe ich in dieser Zeit praktisch keinen Kaffee getrunken, denn krank und aufgeputscht zu sein ist auch nicht der Gipfel des Genusses.

An dieser Stelle ist noch interessant zu erwähnen, dass das Gefühl des fehlenden Geschmacks nicht zu vergleichen ist mit dem Geschmacksverlust bei einer typischen Erkältung. Bei dieser verliert man den Geschmack, weil die Nase als wesentlicher Bestandteil des Geschmacksempfindens ist und nun dank einer Ladung Körperflüssigkeiten die entsprechenden Rezeptoren nicht mehr ansprechbar sind. Bei meiner Infektion war das nicht der Fall. Die Nase war komplett frei, nur habe ich wirklich fast nichts gerochen und dementsprechend geschmeckt.

Woche 2 (Kalenderwoche 50)

In der zweiten Woche war langsam wieder ein minimales Geschmacksempfinden möglich. Ich konnte zwischen den fünf Grundgeschmacksrichtungen unterscheiden (süß, sauer, salzig, bitter, umami). Das heißt aber nicht, dass ich die Intensität der Geschmacksrichtungen unterscheiden konnte. Entweder war ein Kaffee sauer, oder eben nicht. Das gesamte Essen, das nicht stark geschmeckt hat, hat sich noch immer angefühlt, als ob ich eine warme, eher geschmacklose Pampe in meiner Futterluke bewege und nicht, dass es sich um eigentlich leckeres Essen handelt. Ebenfalls konnte ich intensive Gewürze wie Zimt schmecken, die Zuordnung wäre allerdings nicht möglich gewesen.

Beim Kaffee konnte ich einen Hauch des ursprünglichen Geschmacks erschmecken. Das heißt, dass irgendetwas auf meiner Zunge leicht >>gekitzelt<< hat und mein Kopf das erfolgreich mit Kaffee assoziiert hat. Es könnte sich hierbei allerdings um eine potenzielle Täuschung des Gehirns handeln, das sich an den leckeren Geschmack des Kaffees erinnert.

Woche 3 (Kalenderwoche 51)

Die dritte Woche nach Beginn der Corona-Infektion unterschied sich kaum von der zweiten Woche. Die fünf Geschmacksrichtungen wurden durch ein paar weitere Geschmäcker angereichert. Bier hat interessanterweise quasi normal geschmeckt und Bananen waren vor allem süß. Ich konnte essen anhand der Konsistenz nun immer besser unterscheiden. Dennoch war noch lange nicht der Zustand erreicht, an dem ich sagen konnte, dass mir essen wirklich schmeckt.

Beim Kaffee hat sich nichts verändert.

Woche 4 (Kalenderwoche 52)

Die vierte Woche brachte einen starken Schub beim Geschmacksempfinden nach vorne.. Ich würde sagen, dass etwa 60 bis 70 % des Geschmacks wiederhergestellt wurden. Das heißt, dass ich Essen schmecken konnte und ich Geschmäcker sowie Aromen empfinden konnte, wohingegen eine Differenzierung ebendieser Aromen nicht möglich war. Besonders intensive Geschmäcker waren leicht zu erkenne: Käse, Zwiebeln, Essiggurken (wer errät, was das für ein Gericht war?) Eis und Fleisch beispielsweise waren leicht. Bei allen Lebensmitteln mit nuancierteren Aromen konnte ich diese Aromen oftmals nicht erkennen. Wenigstens war in der Hinsicht Weihnachten gerettet, denn was wären all die leckeren Weihnachtsgerichte ohne Geschmacksempfinden?

Der Kaffee schmeckte entweder sauer, bitter oder nach sehr wenig. Auch war es schwierig, zwischen sauer und bitter zu unterscheiden. Ich konnte aufgrund der Zubereitungsart meist erahnen, ob der Kaffee eher sauer oder bitter war, aber in meinem Gehirn ist das zu einem undurchsichtigen Nebel verwaschen.

Woche 5 (Kalenderwoche 53)

In der fünften Woche konnte ich das Geschmacksempfinden wieder steigern. Gerichte wie Pizza oder Burger schmeckten wieder praktisch normal. An dieser Stelle merkt man, wie intensiv der Geschmack dieser Gerichte ist und warum sie unseren Gaumen so ansprechen.

Selbstverständlich habe ich wieder den einen oder anderen Kaffee probiert. Das Problem war nur, dass ich noch immer nicht den Geschmack von Kaffee wirklich differenzieren konnten. Die feinen Geschmacksnoten des Kaffees waren noch immer nicht zugänglich. Damit meine ich auch nicht den billigen Robusta-Kaffee, den man ungefähr überall erhält, sondern hochwertige Spezialitätenkaffees, die man des Geschmacks wegen trinkt und nicht, um sich aufzuputschen.

Woche 6 (Kalenderwoche 1)

Ab der sechsten Woche schmeckte das meiste Essen wieder so, dass ich den Fokus auf die Steigerung des Geschmacksempfindens in den Hintergrund geraten war. Ich würde sagen, dass etwa 90 % des Geschmacks wiederhergestellt wurde. Das heißt, dass mir die breite Masse der Aromen zugänglich war, doch die Feinheiten blieben verborgen.

Einzig beim Kaffee ist mir aufgefallen, dass das gewisse Etwas noch immer fehlt. Ich konnte Kaffee trinken und habe dies auch, aber es war unbefriedigend. Klar, der Kaffee sorgt kurzzeitig für einen Energieschub, doch der leckere Geschmack, der Body oder die Textur waren nicht wirklich zugänglich.

Woche 7 (Kalenderwoche 2)

In der siebten Woche fiel mir auf, dass die Verbesserung des Geschmacksempfindens immer langsamer vonstattenging und sich asymptotisch gegen die ursprüngliche Fähigkeit des Schmeckens und Riechens zurückentwickelte. Ich war gefühlt bei 95 % angekommen.

Hinsichtlich Kaffee wurde es jetzt langsam interessant. Die verschiedenen Geschmäcker konnte ich wieder teilweise unterscheiden. Ich kann wieder feststellen, wie der Kaffee schmecken sollte, dem ursprünglichen Normalzustand des Geschmacksempfindens entspricht dies allerdings nicht.

Woche 8 (Kalenderwoche 3)

Nach zwei Monaten war alles wieder normal oder fühlte sich so an. An dieser Stelle konnte ich nicht mehr sagen, dass sich mein Geschmacksempfinden vor der Infektion zum jetzigen Zustand voneinander unterschied. Selbst der Kaffee schmeckte wieder normal. Juhu! ☕

Rückblick

Es dauerte insgesamt rund 8 Wochen von Beginn der Corona-Infektion und Verlust des Geschmacks, bis mein Geschmackssinn wieder vollständig hergestellt war. Gerade in der Anfangszeit war der Fortschritt bei der Wiederherstellung der Geschmäcker rapide. Von keinem Geschmack bis hin zu einem halbwegs normalen Geschmacksempfinden vergingen knapp vier Wochen. In den nächsten vier Wochen nahm der Fortschritt langsam ab und in den letzten zwei Wochen wurden die feineren Geschmäcker und Gerüche freigeschaltet. Erst an diesem Punkt schmeckte Kaffee wieder halbwegs interessant und es war möglich, Nuancen zu unterscheiden.

Gleichzeitig war auch interessant zu verfolgen, wie sehr das eigene Hungerbedürfnis abhängig ist vom Geschmack. Gerade am Anfang hatte sich mein Hunger rapide verringert, denn das Essen hat nach nichts geschmeckt. Danach wurde es langsam mehr und ab der Mitte wieder vollkommen normal.

Für die Zukunft weiß ich nun, wie sehr das eigene Geschmacksempfinden hinsichtlich Kaffee von den obersten 10 % abhängig ist. Die grundlegenden Geschmäcker sind leicht zu erfassen, aber besonders vielfältigen Aromen von Kaffee, von Rhabarber über Schokolade bis hin zu Äpfeln sind nur zu schmecken, wenn der eigene Geschmack auch normal funktioniert.

Möglicherweise ist das ein Faktor, warum manche nichts mit Spezialitätenkaffees anfangen können? Sie haben eventuell gar nicht die biologischen Fähigkeiten, solche Geschmäcker wahrzunehmen. Denn wie wir wissen, sind alle Menschen individuell und so ist auch des Empfinden des Geschmacks.